Im Blickfeld Europas
Der Erfurter Fürstenkonkress 1808
ist eine Machtdemonstration Napoleons
Zar Alexander I. von Russland auf einem zeitgenössischen Gemälde. Hermitage, Militärgalerie Winterpalais

Napoléon Bonaparte in seinem Arbeitszimmer. Gemälde von Jacques-Louis David, 1812
Am 27. September 1808 verkündet gegen 10 Uhr vormittags ein Böllerschuss vor dem Brühler Tor die Ankunft Napoleons in Erfurt. Er fährt durch ein dichtes Spalier von Menschen zum repräsentativen Gouvernementsgebäude, der ehemaligen Statthalterei am Hirschgarten. Es wird für die Zeit seines mehr als zweiwöchigen Aufenthaltes in Erfurt umbenannt in „Kaiserlicher Palast“. Das Gipfeltreffen Napoleons mit seinem wichtigsten Verbündeten, dem russischen Zaren Alexander I., rückt die eher unbedeutende deutsche Provinzstadt Erfurt ins politische Blickfeld Europas. Eingeladen sind auch Napoleons deutsche Bundesgenossen. Insgesamt 34 Herrscher samt ihrem Gefolge kommen im Herbst 1808 zum „Erfurter Fürstenkongress“, der unter diesem Namen in die europäische Geschichte eingehen wird. Napoleons Wahl auf Erfurt als Ort des Gipfeltreffens ist eine bewusste Entscheidung. Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 wird die Stadt Sitz des kaiserlich-französischen Gouverneurs. Ihr kommt die zentrale Lage in Europa und die gute militärische Infrastruktur mit der Zitadelle Petersberg als Kaserne für die französischen Besatzungstruppen sowie der Stadtbefestigung zugute. Napoleon besucht Erfurt erstmals am 23. Juli 1807 und unterstellt mit Wirkung vom 4. August die Stadt seiner unmittelbaren Herrschaft. Bis zum 4. Januar 1814 ist Napoleon Bonaparte Landesherr über das Fürstentum Erfurt. Der „Erfurter Fürstenkongress“ ist ein politisches und gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges, das in der Gastgeberstadt und in der Region die Menschen ungeheuer mobilisiert und interessiert. Die politischen Verhandlungen zwischen Napoleon und Zar Alexander I. finden vor dem Hintergrund der drohenden Gefahr eines Krieges mit Österreich statt. Der französische Außenminister Talley rand intrigiert gegen die Pläne Napoleons und verrät sie dem Zaren. Dennoch wird am 12. Oktober eine Bündniskonvention unterzeichnet. Danach erhält der russische Zar die Donaufürstentümer Moldau und Wallachei sowie Finnland. Dafür überlässt er Napoleon Spanien und verpflichtet sich im Falle eines österreichischen Angriffes auf Frankreich zum Beistand. In der Öffentlichkeit werden die politischen Verhandlungen überstrahlt durch die den „Erfurter Fürstenkongress“ begleitenden gesellschaftlichen Ereignisse. Täglich gibt es Empfänge, Bälle, Feste, Theateraufführungen, Jagden und weitere Vergnügungen. Im ehemaligen Ballhaus der Universität in der Futterstraße gastiert die berühmte Comédie Française. Napoleon lädt große Geister wie Goethe und Wieland zur Audienz. Die Erfurter Bürger nehmen an diesem politischen und gesellschaftlichen Ereignis, soweit sie das können, lebhaften Anteil, müssen aber zusätzliche Belas tun gen durch die Einquartierungen sowie die hohen Kontributionen und Requisitionen ertragen. Am 14. Oktober 1808 geht der „Erfurter Fürstenkongress“ zu Ende. Die beiden Monarchen werden feierlich verabschiedet. Politisch wird das europäische Gipfeltreffen eher folgenlos bleiben. In Erinnerung bleiben wird das glanzvoll inszenierte gesellschaftliche Ereignis.